Sitzung Braunvieh Schweiz, OB-Verband und SHV (November 2025)
Im November 2025 steht die nächste Austauschsitzung mit dem Braunviehzuchtverband (BVCH) an. Wir als SHV werden wieder die Anliegen unserer Mitglieder, Stierenhalter und Züchterkollegen bei Braunvieh Schweiz deponieren können. Wir nehmen deine Anliegen ernst und leiten diese gerne an die entsprechenden Stellen weiter. Bei der nächsten Sitzung möchten wir gerne die Inzucht debattieren.
Falls du weitere Anliegen hast, dann kannst du diese uns gerne mitteilen (079 921 98 19 oder [email protected])
Inzucht: Eine stetige Herausforderung
Zucht bedeutet die Selektion auf bestimmte Genvarianten, welche besonders «gut» sind. Entsprechend wird mit den Tieren gezüchtet, welche diese vorteilhaften Gene besitzen. Wenn immer mit den gleichen Stieren und Kuhfamilien gezüchtet wird, welche diese Gene haben, dann steigt der Verwandtschaftsgrad innerhalb der Rasse. Auf der einen Seiten erreicht man einen Zuchtfortschritt, dank dem "besseren" Erbgut und auf der anderen Seite bringt die Inzucht oder Linienzucht große Risiken, wenn Züchter mit falschen Fachkenntnissen und ohne Pedigreeplanung ihre Tiere paaren. Speziell beim Braunvieh mit historisch teils sehr engen Verwandtschaften können schnell einmal züchterische Rückschritte in Erscheinung treten (Erbfehler, Leistungsrückgang, Exterieurfehler etc). Grundsätzlich ist von solchen Risikopaarungen zu warnen.
Die Verwandtschaft kann anhand des Pedigrees oder anhand des Erbgutes (SNP-Markern) berechnet werden. Die erste Variante ist ungenau, da u.a. das Erbgut ab der 2. und folgenden Generationen nicht mehr gleichverteilt vorhanden ist. Beispiel: Ein Kalb hat immer 50% des Erbgutes von der Mutter und 50% des Erbgutes vom Vater. Jedoch hat das Kalb nicht mehr exakt 25% des Erbgutes von jedem Grosselternteils in sich. Daher lassen wir die Verwandtschaftsberechnung auf Basis des Pedigrees auf der Seite und konzentrieren uns hier auf die genetische und somit tatsächliche Verwandtschaft zwischen den Tieren.
Wir als SHV stehen für eine breite Blutvielfalt ein, um die Rasse nachhaltig weiterentwickeln zu können. Aus diesem Grund möchten wir von Braunvieh Schweiz folgendes wissen:
1.) Wie entwickelte sich den Inzuchtgrad in den letzten 20 Jahren bei den Zuchtrichtungen OB und BS?
Wie schätzt BVCH diese Entwicklung ein?
Was machte BVCH, um den Inzuchtgrad in einem «gesunden» Bereich zu halten? Wie effizient waren diese Maßnahmen?
Wie hoch sind die Abweichungen zwischen dem Pedigree-Inzuchtgrad und dem genetischen Inzuchtgrad? Wurden diese Abweichungen zwischen den beiden Werten in den letzten Jahren grösser oder kleiner?
2.) Die Züchtergruppe St. Gallen warnte vor zwei Jahren vor dem übermäßigen Einsatz von einzelnen Jungstieren. Braunvieh Schweiz intervenierte darauf. Welche Maßnahmen wurden konkret getroffen?
3.) "Bei BrownSwiss gilt es, pro Stierenjahrgang mindestens zehn Stierenväter zu verwenden, die Stierenmütter sollen von mindestens zwölf unterschiedlichen Vätern stammen.", Silvia Wegmann, Senior Genetics bei Swissgenetics. Obwohl die Stierenväter und die Mutter's Väter verschieden sind, befinden sich oft 1-2 Generationen weiter zurück wieder die ähnlichen Stiere. (Konkrete Beispiele mit Asserro und Harvey finden Sie am Ende).) Wie beurteilt BVCH diese Massnahme von Swissgenetics?
4.) Welche Inzucht-Präventionsstrategien fährt BVCH in Zukunft?
5.) Wie beurteilt BVCH die Wichtigkeit des Natursprunges? Ist eine stärkere Förderung des Natursprunges in Zukunft notwendig? Wenn ja, wie?
Wie soll aus der Sicht von BVCH die zukünftige Zusammenarbeit zwischen SHV und BVCH sein, um die Linienvielfalt noch besser fördern zu können?
6.) Sind Förderprogramme von seltenen Blutlinien geplant (z.B. Samendepot)?
7.) Halteprämien und Zuchtfamilien sind wichtige Instrumente, um die Blutvielfalt breit zu halten. Reichen die aktuellen Fördermittel, um die Motivation der Ausstellern von Halteprämien oder Zuchtfamilien langfristig und nachhaltig aufrechtzuerhalten?
8.) Natursprung wäre auch bei der Zuchtrichtung BS wichtig, um die Blutvielfalt breit zu halten. Jedoch ist der Natursprungeinsatz bei BS wenig verbreitet. Ein Grund könnte der geringer Verkaufserlös für die männlichen Tränker sein. Welche Maßnahmen sieht BVCH vor, um in Zukunft der Natursprungeinsatz bei BS attraktiver zu machen?
9.) Privates Samenlager: BVCH unterstützt die Samengewinnung über eine KB-Station mit einem Betrag vom 2'000 Fr. Bedingungen sind neben einer nicht alltäglichen Blutführung, auch Kriterien bei den Zuchtwerten. Ist dies nicht ein Widerspruch, da die Outcross-Stiere oft Zuchtwerte mit sehr tiefen Sicherheiten haben? Diese Stiere haben sehr wenige verwandte Tiere in der Genom-Datenbank für die Berechnung der SingleStep-Zuchtwerte.
10.) Mit dem Aufkommen der Genomischen Selektion wurde stark auf die SNP-Marker selektioniert, welche zu hohen Zuchtwerten führten. Somit wurden oft Jungstiere mit ähnlichem Erbgut eingesetzt. Hingegen wurden interessante Stiere mit tieferen Zuchtwerten kaum mehr eingesetzt, obwohl die Sicherheiten der Zuchtwerte noch sehr tief waren. Dies ist aus mehreren Aspekten problematisch. Auf der einen Seite stieg der Inzuchtgrad und auf der anderen Seite wurde sehr viel auf die gleiche «Karte» gesetzt. Konnte ein Stier seine Genom-Zuchtwerte bei der Nachzuchtprüfung nicht bestätigen, dann waren seine «schlechte» Gene bereits stark in der Population verbreitet. Hätte BVCH rückblickend einen anderen Umgang mit der Genomischen Selektion einschlagen sollen? Wie sieht die zukünftige Strategie von BVCH bezüglich des Umganges mit der Genomischen Selektion und mit der Inzuchtproblematik aus?
11.) Bei der Zuchtrichtung BrownSwiss ist der Stier Blooming fast in jedem Stammbaum (oft mehrfach). Das gleiche gilt beim Original Braunvieh für den Stier Lordan und für sein Vater Rino. Die erwähnten Stiere hatten ihre Vor- und Nachteile. Wo sieht BVCH die Problematik von diesen Stieren?
12.) Vor rund 50 Jahren wurden einige Stiere (u.a. Elegant, Stretch) stark eingesetzt und somit intensiv Linienzucht betrieben. Wo sieht BVCH die grössten Unterschiede von damals zur heutigen Braunviehzucht bez. Chancen und Gefahren für beide Zuchtrichtungen? Welche Lehren wurden aus der Vergangenheit gezogen?
13.) Gerade in der OB-Zucht konnten einige Züchter mit IHREN besten Kuhlinien und mit EIGENEN Stieren eine erfolgreiche Verwandtschaftszucht aufbauen. Wo sieht BVCH die grössten Unterschiede (und auch Gefahren) zwischen dieser Verwandtschaftszucht auf Betriebsebene und auf Populationsebene?
14.) Wie sieht die genetische Ressource im Ausland aus? Gibt es alternative Blutlinien, welche in der Schweiz eingesetzt werden könnten? Dürfen ausländische Original Braunvieh-Linien auf unsere Schweizer OB-Linien eingesetzt werden, ohne den "Original-Status" zu verlieren?
15.) Die Nachfrage nach Outcross-Genetik ist klein. Die Züchter setzten oft blind die Stiere ein mit den höchsten Zuchtwerten ein. Sind Fördermassnahme für den Absatz von Outcross-Genetik mit tieferen Zuchtwerten erforderlich? Wie ist die Einschätzung von BVCH?
Früher war der obligatorische Prüfstiereinsatz für Erstlaktierende. Wäre der obligatorische Einsatz von Outcross-Stieren für Erstlaktierende ein möglicher Lösungsansatz?
16.) Wie ist eigentlich ein "Outcross-Stier" definiert? Kann die genetische Verwandtschaft eines Tieres zur übrigen Population mit einem Wert dargestellt werden?
In den USA wird ein erwarteter zukünftiger Inzuchtwert (EFI = expected future inbreeding) für den Einsatz eines Stiers berechnet. Je stärker ein Stier mit den Tieren in der Population verwandt ist, desto höher wird dieser Wert. Der Inzuchtgrad des Stiers selbst ist dabei nicht relevant, nur seine Verwandtschaft mit der Population.
Wäre ein solcher Inzuchtwert für das Schweizer Braunvieh vorstellbar?
17.) CDBC (Council on Dairy Cattle Breeding) berechnet in der USA u.a. die Zuchtwerte für die Rassen Holstein, Jersey und BrownSwiss. Die rassenspezifische Indexierung erfolgt dann über den jeweiligen Zuchtverband. CDCB berücksichtigt die Inzucht-Depression in der Zuchtwertschätzung. Alle US-amerikanischen Zuchtwertschätzungen werden mit der Abweichung der erwarteten zukünftigen Inzucht (EFI) eines Individuums vom Rassedurchschnitt gewichtet und anschließend mit dem Inzuchtdepressionskoeffizienten angepasst. Sowohl die Rassedurchschnitte als auch die Inzuchtregressionen werden für die meisten Merkmale in jedem Lauf neu berechnet. Darüber hinaus berücksichtigen die Zuchtwertschätzung auch den Heterosiseffekt bei Kreuzungstieren.
Wie wird die Inzucht-Depression beim Braunvieh in der Schweizer Zuchtwertschätzung berücksichtigt?
18.) Die "Weltrasse Holstein" hat einen hohen Inzuchtgrad, welcher stetig weiter ansteigt. Wo sieht BVCH die grössten Unterschiede von der Holsteinrasse zu unserem Braunvieh bez. Inzuchtproblematik und deren Umgang?
Beispiel mit OB Asserro und BS Harvey
Da die beiden Jungstiere OB Asserro und BS Harvey zuoberst in der GZW Liste stehen, wurden sie als Beispiele auserkoren. Sie sind stellvertretend für die anderen KB-Stiere, welche ebenfalls auf verbreitete Vererber liniengezüchtet sind.
Asserro und Harvey werden von Swissgenetics aktuell sehr häufig eingesetzt. Wie bereits angetönt, zeigen diese enge Verwandtschaften auf gewisse Linien.
OB Asserro in 3. bis 6. Generation 4 mal Rino, 5 x Vöris, 3 x Karlo. Der
Vater Antonic, 2/3 Vollgeschwister Roswita und Dalina, ist noch nicht nachtzuchtgeprüft. Lordan und Rio sind im Pedigree. Roswita und Dalina kommen 3 mal vor.
In der aktuellen OB Population gibt es viele weibliche Tiere mit Blut von Rino, Lordan und Rio.
BS Harvey: Bei seiner Mutter sind Grosseltern Vollgeschwister (Bender Huge und Bender Celia).
Blooming ist 4 mal und Premium Bonita 7 x im Pedigree. Er ist der Sohn des häufig als Stierenvater eingesetzten Guys.
Es wird eine Häufung festgestellt von Stieren, die hohe und im Becken sehr schmale Tiere mit oft gefirsteten Becken, steilen Sprunggelenken und ausdrehenden Vorderbeinen vererben. (Blooming, Bender, Antonov, Noro)
Harvey ist trotz den hohen Genomwerten auch nach SingleStep ein Risikostier, besonders dann, wenn er auf weibliche Tiere mit gleichen Verwandtschaften und/oder Schwächen eingesetzt wird.
Die hohen Genom-Zuchtwerte könnten ein Indiz dafür sein, dass diese Stiere hauptsächlich die Genvarianten haben, welche zu hohen Zuchtwerten führen. Wäre dies der Fall, dann wäre dies wiederum ein Indiz dafür, dass diese Stier genetisch einen höheren Inzuchtgrad haben, als man dies anhand des Stammbaumes vermuten könnte.
Gezielt eingesetzt können liniengezüchtete Stiere auf stark verbreitete Linien durchaus interessant sein. Werden diese Stiere aber massenhaft eingesetzt, dann verschärfen diese Stiere die Inzuchtproblematik innerhalb der Rasse.
In der Novembersitzung möchte die SHV von Braunvieh Schweiz u.a. wissen, was sie konkret tun, um die Züchter auf die Chancen, aber auch auf die Gefahren von solchen ingezüchteten Stieren aufmerksam zu machen.
Anderen Namen, aber die ähnlichen Gene?
Bei den meist eingesetzten KB-Stieren sind die Ahnen oft die gleichen. Widerspricht dies nicht den Versprechungen an die kritischen Stimmen aus den Züchtergruppen?, möchten die SHV vom Zuchtverband wissen.
Alternative Stieren-Präsentation
Die Europäische Vereinigung naturgemäße Rinderzucht (EU NA) verfolgt das Zuchtziel einer langlebigen, problemlosen Milchkuh. Dabei greifen sie teilweise auf alternative und altbewährte Genetik zurück. Mit dem Nachteil, dass ihre Stiere beim Rennen um die höchsten Zahlen nicht mithalten können. Anstelle der Zuchtwerte, wird ein ausführlicher Beschrieb des Stieres publiziert. Wäre dies eine mögliche Lösung für wertvolle OutCross-KB Genetik?